Discard a Shape at Last

opening speech on Dec 6, 2025 on the occassion of the exhibition Bianca Phos & Markus Proschek | Discard a Shape at Last, at Kunstforum Montafon, Schruns

Fragmente, Leerstellen und Brüche sind der rote Faden in der Zusammenkunft der künstlerischen Praktiken von Bianca Phos und Markus Proschek. Der Kontrast wirkt zunächst groß: Malerei trifft auf Skulptur, narrative Elemente auf abstrakte Körper, Zwei- auf Dreidimensionales. Auch der Beginn der Arbeitsprozesse findet an zwei Enden eines Spektrums statt: Bianca Phos sucht den Ausgangspunkt oft im Material selbst während Markus Proschek zumeist von Referenzen, Sichtungen oder Funden ausgeht. Wie also diese beiden Positionen zusammen, gegeneinander, gegenübergestellt oder über ihre Kontraste hinausdenken?

Ich möchte vorschlagen, dass wir uns beiden annähern, indem wir auf ein existenzielleres Level herauszoomen. Drei abstrakte Zugangspunkte zu den zwei heterogenen künstlerischen Praktiken wären dabei möglich: Zeit, Raum und Materie.

1.

Sprechen wir zunächst über Materie, also all jene Substanzen, die sich in Raum und Zeit manifestieren, Masse besitzen und somit auch Bedeutung haben oder generieren. Das inkludiert Materialien und Volumina, Materie im energetischen und semantischen Sinn.

Bei Markus Proschek mag das zunächst simpel wirken, denn seine grundlegenden Materialien sind Öl auf Leinwand oder Holz. Der Ausdruck seiner Bilder changiert zwischen präzisen Trompe-l’oeil und abstrakter Flächigkeit. Doch zugrunde liegt dem Bildraum eine tiefschürfende materielle Beschäftigung mit und Recherche von archäologischen Fundstücken, geopolitischen Zusammenhängen, ideologischen Bedingungen, religiösen Ideengeschichten und Erinnerungskonstruktionen. Das klingt beinahe überwältigend, ich gebe also gerne ein Beispiel zur Veranschaulichung: Sehen wir uns die Arbeit Mušḫuššu (The Curse) an, die an der Eingangswand hängt. Sie zeigt ein Fragment eines Drachenkopfes des Schlangendrachen-Begleittiers Mušḫuššu der sumerischen Gottheiten Enlil und Tišpak bzw. des babylonischen Gottes Marduk und referenziert auf die Fliesendarstellung am Ischtar-Tor. Der Körper der Figur wurde als Schattenumriss ergänzt – ein Verweis auf Displaymöglichkeiten von archäologischen Fundstücken in Museen, besonders jener, die nur in Teilen erhalten sind und ergänzt werden. Der Körper von Mušḫuššu wird hier von angerissenen Fragmenten unterschiedlicher Landkarten überlagert, von geologischen und schematischen Darstellungen der ölhaltigen Gebiete im Irak. Ein fünfzackiger Stern im rechten unteren Eck deutet subtil auf militärischen Einfluss hin – so wird der Fluch im Titel hier lesbar. Es verbinden sich Kunstraub, Repräsentationssymboliken, Ausstellungsdisplays und geopolitische Machtansprüche. Heterogene Konfliktfelder werden offengelegt und eine einzige, „große“ Erzählung abgelehnt. Vielmehr wird in der Verdoppelung von gemalten, also materiell greifbaren, und illusionistischen oder imaginären Oberflächen Themen überlagert und verdichtet, die paradoxerweise von ihren Leerstellen und Abwesenheiten leben. Dazu gleich mehr.

Bei Bianca Phos tun sich ebenso Brüche auf, jedoch in der Anwesenheit bestimmter einzelner Bestandteile: Sande, Silikate und Quarze sind separat voneinander in Kapseln abgepackt (diese langen Glasphiolen). Getragen werden sie von Stahlteilen, einfach als Rundstab aus der Wand stehend oder sich in organisch geschwungenen, teilweise angekokelten Linien durch den Raum schlängelnd. Das Material wirkt statisch, ist aber bedingt durch die Materialeigenschaften bzw. den Herstellungsprozess in permanenter Bewegung: Die leichte Bewegtheit durch das Abhängen von Decke oder Wand ist hier gemeint. Auch die Viskosität von Glas selbst, das immer flüssig ist, wenn auch für Betrachter*innen nicht wahrnehmbar, ist wesentlich. Genauso das lose Sein der Sandkörner in den Phiolen. Zugrunde liegt allen materiellen Teilen jedoch Feuer, das die Transformation der Stoffe für verschiedene Zwecke erst anheizt. Denn Bianca Phos interessiert sich für die vielfältige Nutzung von Glas, das sich aus den einzelnen Sanden und anderen Bestandteilen machen lässt. Glas wird zur Datenspeicherungen und der Herstellung von Computerchips genutzt. Es reicht bis hin zur Verarbeitung am Bau oder in der technischen oder medizinischen Produktion. Glas und seine Verwendungsmöglichkeiten sind an mögliche Zukünfte des menschlichen Körpers gebunden und bestimmen unser Tun und Sein mehr als uns lieb sein mag. Die Dekonstruktion des Glases in seine unterschiedlichen Bestandteile gibt uns Anhaltspunkte für ein Nachdenken über seine zyklische Verwertung und Wertigkeit. Egal ob natürlichen oder artifiziell hergestellten Ursprungs umreißt Bianca Phos in ihrer Arbeit Prozesse von Abtragung, Ausfertigung, Umformung, Abtragung und letztlich des Aussortierens. Das Material geht dabei nie verloren, sondern wechselt lediglich seine Aggregatzustände.

2.

Wenden wir uns als nächstes der Frage nach Raum zu: Beide Künstler*innen verbindet ein dezidierter und präziser Umgang mit räumlichen, strukturellen und inhaltlichen Schichtungen. Bei Bianca Phos ist dies durchaus auch im geologischen Sinn zu lesen: Ihr Bezugspunkt für die große Installation A cut of impact, a memory in drift ist das Nördlinger Ries. Rund um die Stadt Nördlingen an der Grenze von Bayern und Baden-Württemberg und ungefähr 264 km entfernt von Schruns befindet sich diese Schutzzone eines Meteoritenkraters, dessen Entstehung wohl 14,6 Millionen Jahre zurückliegt. Es ist ein annähernd kreisförmiges Becken von rund 20-24 km Durchmesser das durch den Einschlag eines Asteroiden seine Form erhielt. Bianca Phos tastet an den Umrissen des Kraters entlang und wählt für die Bewegung ihrer Arbeit die Kontur der topografischen Narbe. Die entstandene Wunde in der Erdkruste bildet Spalten und Risse aus und wölbt sich konkav und konvex. Ihre zerriebenen Sedimente setzen sich durch Migration, Forschung und Vertrieb in weiten Teilen der Welt ab. All dies zeugt von einer Verletzung, die nach der Zerstörung Neues hervorbringen kann und die eigene Vulnerabilität als Ressource nutzt. Bianca Phos spricht hier gerne von „Verletzungsoffenheit“.

Markus Proscheks Arbeiten graben sich ebenso tief ein, wenn auch auf anderer Ebene: Er versteht – ich zitiere – „Geologie und Geografie als Schicksal“. Denn das Terroir, auf das man zufällig hineingeboren wird, bestimmt den weiteren Verlauf des Lebens maßgeblich mit. Unsere menschliche Zivilisationsgeschichte hat nur sehr geringen Einfluss auf die unendliche Weite des Kosmos und seine teils steinernen Raumkörper. Aber sie äußert sich eindrücklich in den geologischen Schichten der Erde, die für Profit, Macht und Gier aufgegraben und abgetragen werden. Markus Proschek zeigt jedoch nicht die Fülle an Material, sondern im Gegenteil die oben angekündigte Abwesenheit von Dingen. Das kann man gut in politischeren Arbeiten wie Tell Formation sehen (zu der Ihnen Markus Proschek sicher gerne im Anschluss gerne im Detail berichtet, wenn Sie möchten). Oder, um hier auch in eine andere Richtung zu gehen, zum Beispiel in der Arbeit Gap Year, bei der zwei sehr unterschiedliche Spender aufeinandertreffen – einer für Desinfektion und einer für Weihwasser. Plötzlich wird die Kluft zwischen Gemeinschaftsbildung durch das Feiern der christlichen Messe und die bewusste physische Abgrenzung zu Zeiten der Pandemie deutlich – mit einem Augenzwinkern. Es stellt sich aber auch die Frage nach Vorstellungen von Reinheit, spiritueller und hygienischer Natur.

3.

Zum dritten und letzten Punkt: Zeit. Markus Proschek mag in der Zeit nicht ganz so weit zurückgehen wie Bianca Phos – wir sprechen hier im Vergleich von lediglich ein paar tausend bis ein paar hundert oder nur ein paar Dutzend Jahren. Doch beide interessieren materielle Schichtungen in der Zeit.

In der Malerei Proscheks gibt es entsprechend häufig Bezüge zu Erinnerungskulturen, die sich durch das Bewahren von andernfalls verlorenem Wissen auszeichnen. Ganz wörtlich wird dies in der Arbeit Mnemoneye (remember) sichtbar. Hier sehen wir den Umriss eines Frauenprofils um eine kleine Gemme herum, die vom Schatten einer Hand hochgehalten wird. Auf der Gemme lesen wir das titelgebende Mnemoneye, was erinnere dich bedeutet. Der Schriftzug umrahmt eine Hand, die ein Ohrläppchen hält – ein antikes Zeichen sich zu erinnern. Wir sollen uns also an die Dargestellte, deren Aussehen wir nicht wirklich mehr wissen, erinnern und halten uns an der Verdoppelung von Bedeutung und Bildmotiv fest – vielleicht vergebens. Denn der Kampf gegen das Vergessen ist so wichtig wie schwierig, wie wir deutlich an einer Arbeit wie Die Philosophie (nach Klimt) ablesen können: Zerstörungswut durch Feuer macht unsichtbar, was in der Zeit begraben werden soll (hier die Zerstörung von Schloss Immendorf, wo Gustav Klimts berühmte Fakultätsbilder eingelagert waren).

Zeit ist nichtlinear, Informationsaustausch ist nicht verbindlich und die Verwahrung von Wissen ist wie ein Archiv von aufgewirbeltem Sand in der Wüste: Nur in manchen Augenblicken werden gewisse Stückchen zugänglich, bevor sie wieder verschwinden. Eigentlich unvorstellbar.

Jennifer Gelardo schrieb in einem rezenten Text über Bianca Phos Arbeiten:

Phos reminds us that to look at glass is to look through time. [Phos erinnert uns daran, dass durch Glas hindurch zu schauen ein Blick durch die Zeit ist.]

Und tatsächlich scheint vieles, was Bianca Phos daran interessiert und verhandelt, nicht einfach vorstellbar: Wir können uns nicht vorstellen, wie viele Körner Sand da genau in den Phiolen stecken oder wie viel Zeit 14,6 Millionen Jahre wirklich sind. Denn die Zeit und der Raum, auf den Bianca Phos hinaus will ist übermenschlich, im Sinne von Deep Time (also Tiefenzeit) und verbindet so die Vergangenheit und Gegenwart mit potenziellen Zukünften.

Können gemalte Post-its und aufgesteckte Gummiringe zusammenhalten, was auseinandergebrochen ist? Eine vollständige Heilung erscheint unwahrscheinlich. Vielleicht muss man sich der Form letztlich doch entledigen und sich von ihr befreien.

Der Ausstellungstitel Discard a Shape at Last kommt abgewandelt aus den ersten Zeilen des Liedes „Heal“ von Soap & Skin. Es ist auf dem Album From Gas to Solid / you are my friend (2018) und beginnt so:

She passed out layers of the past / A bundle of scars / Discard the shape at last //

[Sie gab Schichten der Vergangenheit weiter / Ein Bündel Narben / Endlich die Form verwerfen //]

Aus dem Aussortieren einer bestimmten Form im Lied (the shape) wird eine offene Form im Ausstellungstitel (a shape). Wie am Ende des Liedes gelingt es auch dieser Schau von Bianca Phos und Markus Proschek letztlich das krampfhafte Festhalten an den Gegebenheiten von Raum, Materie und Zeit aufzubrechen und die Angst davor aufzulösen – zugunsten von neuem Wissen, neuen Öffnungen und neuen Konstellationen.

Vielen Dank.