FULTERER SCHERRER | studs #2

Pastelliges Rosa trifft auf Neonorange, Mintgrün und Signalrot, immer wieder begleitet von Neongelb, Himmelblau, Weiß und Schwarz. Die bunt bemalten Keilrahmen in der Serie studs #2 des Künstlerinnenduos Fulterer Scherrer lassen Flair und Ästhetik der 1950er Jahre aufleben, gewürzt mit frech-fröhlichen Untertönen eines emanzipierten 21. Jahrhunderts. In vielfältigen Farbkombinationen wird die Acrylhaut direkt auf den leinwandlosen Skelettgrund aufgetragen. Darüber spannen sich handgenähte Kunstlederapplikationen aller Art: Riemen, Gurte, Formschnitte und Membranen werden mithilfe von Nieten, Ösen und Ringen fixiert. Ein lustvolles Zusammenspiel von Flächen und Textilmaterialen erzeugt visuell-haptische Gesten der Begegnung.

Die Reihe studs #2 kann als Fortführung und Weiterentwicklung früherer Arbeiten gesehen werden. Diese charakterisierten ein stark konstruktiver Auftrag von Acrylfarben auf Keilrahmen und die Verbindung einzelner Teile durch Spanngurte (Bondage, 2018-2019) bzw. der Einsatz von Formvokabular diverser Subkulturen wie Punk als ritualisierte Ablösung von Macht- und Dominanzgeflechten (studs #1, 2020-2021). Erhalten blieben die Offenlegung von Arbeitsprozessen der Abstraktion zwischen Malerei, Skulptur und Konzept sowie die Versatzstücke an sich, denen nun aber neue Bedeutungsebenen zukommen. Die Spanngurte der frühesten Versuche wurden in der Folge zu zarten Riemen, die in formaler Strenge als geometrische Konstellationen entlang der Rahmen bzw. präzise parallel und diagonal dazu appliziert zu wurden. Nun greifen organisch anmutende Häute und dynamische Markierungen immer mehr Raum, die Keilrahmen wirken teilweise bekleidet, in jedem Fall aber von Körperlichkeit animiert.

Fulterer Scherrer schränken unsere Assoziationen den Arbeiten gegenüber bewusst nicht ein, es kommt zu keiner verbindlichen Interpretation. Vor allem da die mannigfaltigen Definitionen des englischen Begriffes „stud“ im Deutschen eine Reihe an unterschiedlichen Zugängen eröffnen: So können Stützpfeiler genauso wie Gestüte, Hengste oder deren Zucht gemeint sein, Nägel, Ohrstecker, Nieten in den Sinn kommen oder auf die Selbstbezeichnung von BIPOC Frauen, Queers und nichtbinären Menschen, die sich männlich kleiden und verhalten (als wörtliche Anspielung auf attraktive Männer) verwiesen werden. Unsere Wünsche, Begierden und Ansichten verweben sich mit den selbstbewusst-schrillen Projektionsflächen der Künstlerinnen, die Fashion genauso wie Club, Sex wie Zärtlichkeit, Verspieltheit wie Förmlichkeit zulassen, ja sogar befürworten. Schreiten wir also mit studs #2 von Lingerie über Fetisch zu Farbfeldmalerei und Raumwahrnehmung und erheben wir unsere Champagnergläser auf diese geometrisch-organische Liebesbekundung allumfassender joie de vivre.