The Last Hurrah, October 21 & 30, 2025, Schinnaglgasse 9, 1160 Vienna
Über die Notwendigkeit der Entsorgung | On the Necessity of Disposal
Entsorgung ist keine symbolische Geste, sondern ein realer Akt, der ungewollt aber notwendig ist. Denn ökonomische Zwänge der spätkapitalistischen Dystopie, in dem Lagerplatz, Materialkosten und Lebensfinanzierung aufgrund ausbleibender Einnahmen oft auf ein kahles Minimum beschränkt sind, erfordern radikale Maßnahmen. Die Konsequenz: Um Platz für Neues zu schaffen muss entgegnen einem unrealistischen Marie Kondo-Anspruch auch und besonders das gehen, das Freude verschafft.
Julias S. Goodman und Gabriele Edlbauer sind als Künstlerinnen, Lehrende und Kunstpublikum unweigerlich Teil der realpolitischen ökonomischen Landschaft genauso wie des spezifischen Systems der Kunstökonomie. Folgen wir Andrea Frasers The Field of Contemporary Art: A Diagram (2024), das die Fragmentierung der Kunstwelt in zunehmend autonome Teilbereiche darstellt, werden uns die Bewertungskriterien dieses ausgefransten Systems bewusst, ohne, dass dieses an Opazität verliert: Werte, Ressourcen und Machtansprüche entbehren der Transparenz und stellen alle Akteur*innen in ihrem Gravitationsfeld vor immer neue Herausforderungen.
Goodman und Edlbauer begeben sich mit The Last Hurrah an eine Schwelle, die sie mit Humor, Mut, Schmerz und Zweifel übertreten. In einer performativen Bestandsaufnahme, einer Achtsamkeitsübung im Loslassen vieler übergroßer und überschwerer skulpturaler Arbeiten, fordern sie die Bertrachter*innen auf, sich mit ihnen gemeinsam auf eine Reise mit ungewissem Ausgang zu begeben. Sorgfältig ausgepackt, noch sorgfältiger in eine Mulde gelegt und jeder eigenen Kontrolle entledigt, platzieren die Künstlerinnen ausgewählte Arbeiten der vergangenen Jahre in einer Mulde in einer Parkbucht in den Straßen Ottakrings – und überlassen sie ihrem Schicksal.
Dabei geht es vor allem um Temporalitäten: Was ist in diesem Moment in der Zeit, an diesem Ort, unter diesen Umständen gefragt? Was hat Potenzial, auch künftig Relevanz zu besitzen und ist es wert, gut verpackt in stabilem Klima permanent gelagert zu werden? Was genügt uns in einer abgeschwächten Existenz als Abbild und soll einmal gesehen der Nachwelt nur durch eine Ausstellungsansicht oder durch schiere Nacherzählung erhalten blieben? Manifestieren sich Ansehen, Ruhm und Sehnsucht nachhaltig durch die Nacherzählung, die Exklusivität und FOMO voraussetzt? Ist das Damoklesschwert der Entsorgung kluges Selbstmarketing und generiert genügend Aufmerksamkeit, um die Zerstörung zu verhindern? Oder ist es ein Scheitern, der Kunst, der Künstlerinnen, des Kunstsystems, das hier ästhetisiert aber auch als öffentliches Schämen thematisiert wird? The Last Hurrah ist all das und vor allem eines: Eine Raumnahme, die Fragen nach Produktions-, Ausstellungs- und Lagerbedingungen von Kunst genauso stellt wie eine romantisierende Mythenbildung von Bedeutungsgenerierung kritisch beäugt.
Disposal is not a symbolic gesture, but a real act that is unwanted and yet necessary. The economic constraints of late capitalist dystopia, in which storage space, material costs, and living expenses often reduced to a bare minimum due to a lack of income, require radical measures. The consequence: contrary to Marie Kondo’s unrealistic claim, in order to make room for new things, we must also and especially let go of those that bring us joy.
As artists, teachers, and art audience, Julia S. Goodman and Gabriele Edlbauer are inevitably part of the real political economic landscape as well as the specific system of the art economy. If we follow Andrea Fraser’s The Field of Contemporary Art: A Diagram (2024), which depicts the fragmentation of the art world into increasingly autonomous sub-areas, we become aware of the evaluation criteria of this frayed system without it losing any of its opacity: values, resources, and claims to power lack transparency and present all actors in their gravitational field with ever new challenges.
With The Last Hurrah, Goodman and Edlbauer cross a threshold with humor, courage, pain, and doubt. In a performative inventory, a mindfulness exercise in letting go of many oversized and heavy sculptural works, they invite viewers to join them on a journey with an uncertain outcome. Carefully unpacked, even more carefully positioned in a dumpster, and stripped of any control, the artists place selected works from recent years in a garbage container in a parking spot on the streets of Ottakring—and leave them to their fate.
This is primarily a question of temporality: what is in demand at this moment in time, in this place, under these circumstances? What has the potential to remain relevant in the future and is worth storing permanently in a stable climate, well packaged? What is sufficient for us in a diminished existence as an image, and once seen, should it be preserved for posterity only through an exhibition view or sheer retelling? Do prestige, fame, and desire manifest themselves sustainably through retelling, which presupposes exclusivity and FOMO? Is the Sword of Damocles of the disposal clever self-marketing and does it generate enough attention to prevent destruction? Or is it a failure of art, of artists, of the art system, which is aestheticized here but also thematized as public shame? The Last Hurrahis all of these things and, above all, one thing: a space that raises questions about the conditions of production, exhibition, and storage of art, while also critically examining the romanticized myth-making of meaning generation.
Gemischte Gefühle | Mixed Feelings
Ich hatte beim ersten Mal zwei weiße Rosen mitgebracht, für je eine der beiden Künstlerinnen eine, denn der Weg zur Mulde fühlte sich zunehmend an wie die Ankunft bei einer Trauerfeier. Begrüßt wurde ich allerdings herzlich, Tee und Snacks wurden angeboten und die Freude, bekannte Gesichter nach längerer Abwesenheit wiederzusehen, erleichterte. Die ersten Schritte um die Mulde herum blieben zögerlich und distanziert, ganz wie bei der Betrachtung einer Kunstinstallation üblich. Doch dass die Kunst teilaufgebaut bzw. zerlegt übereinandergestapelt im Außenraum lag, trotz der sorgfältig kuratierten Auswahl weder Installation noch Ausstellung war und auch berührt und mitgenommen werden durfte, ging erst langsam in Kopf, Hände und Herz über. Die Mulde veränderte die Funktion der in ihr befindlichen Objekte: Sie waren keine Kunstwerke mehr, jedoch auch noch kein Müll, solange die Mulde am Straßenrand geparkt war und den Weg zur Deponie noch nicht angetreten hatte. Sie waren in einem Dazwischen begriffen, vulnerabel dem Willen des Publikums ausgesetzt und der Kontrolle der Künstlerinnen entzogen. Deren selbstgewähltes Los brachte sie in die schwierig auszuhaltende Position von machtlos Zusehenden.
Die ersten Griffe hinein waren vorsichtig und wurden neugieriger. Kleine und größere Teile kamen zum Vorschein und wir kamen ins Gespräch: wir fragten aufgeregt nach der Zugehörigkeit zu größeren Ensembles, erzählten uns gegenseitig, wo wir die Arbeiten zuvor gesehen hatten und teilten mit den Erinnerungen warme Gefühle an vergangene Ausstellungen und gemeinsame Momente. Die Ersten entschieden sich für die Mitnahme ihrer Fundstücke und bereiteten sie am Gehweg bis zum Aufbruch auf. Es fühlte sich „richtig“ an, wie eine Rettung in letzter Sekunde. In Wahrheit war es wohl ein Festklammern, das an die Stelle des notwendigen Loslassens trat. Wir wollten alle Retter*innen sein, hilfreich, voll Mitgefühl und Verständnis. Doch die meisten im Publikum waren selbst Künstler*innen, deren Existenzen und Arbeitsbedingungen durch die Teilnahme am eventisierten Ausmisten ins Scheinwerferlicht gerückt wurden. Die Mitnahme erschien plötzlich selbstsüchtig, auf einen kommerziellen Erfolg von Edlbauer und Goodman wartend, zur gesellschaftspolitischen Problematik des Kunstmarkts beitragend. Was war es, dass es zu retten galt – einzelne Kunstwerke oder die Kunstproduktion? Wir werden uns an diese Frage bei jedem Blick auf die mitgenommenen Stücke erinnern, wenn wir sie zu Hause ansehen.
Das Begraben der übriggebliebenen Teile mit ihren Verpackungsmaterialien am Morgen nach der Aktion erwies sich als noch schmerzhafter als die Entsorgung dieser. Die Mulde schien nun kurz vor Abfahrt ins Jenseits wie ein Grab für das Begehren nach Sichtbarkeit. Dem Nachtrauern wurde jedoch erstmal wenig Zeit gelassen. Genau sieben Tage nach der ersten Aktion begann die zweite, sie startete wesentlich abrupter: Das Publikum hatte vom ersten Mal gehört, stieg unbedarfter ein und war insgesamt gröber. Einzelne Figuren zerbrachen noch beim Versuch des Heraushebens, die Scham des Wegwerfens wurde durch die teilweise sorglose Handhabe verstärkt. Die authentische Geste von Großzügigkeit und vulnerabler Selbstreflexion seitens Edlbauer und Goodman vermischte sich auf unangenehme Weise mit dem unkontrollierbaren Zugriff auf ihr Werk. Das performative Fragmentieren ästhetisierte ein Scheitern, dessen Aufzeigen zu einer neuen Verwertungsökonomie beitrug. Der Tod von Frankensteins Monster machte es erst berühmt – wenn es im richtigen Moment gut nachbesprochen wird und Reliquien zur Legitimation erhalten bleiben.
Die Nacherzählung hinterlässt einen ebenso fahlen Beigeschmack, besonders im Gespräch mit Nicht-Anwesenden: Diejenigen, die nicht live vor Ort waren, müssen beinahe getröstet werden, denn sie finden es ungeheuerlich, dass die Arbeiten tatsächlich weggeworfen wurden. Wie konnten große Institutionen nicht einschreiten? Die Community sich nicht stärker involvieren? Kein Lagerraum, temporär oder permanent, gefunden werden? Die Schuld wurde woanders hin projiziert, sie selbst konnten leider an beiden Tagen nicht kommen, andere Verpflichtungen, man verstehe. Für die Gefühle der betroffenen Künstlerinnen scheint hier kein Platz zu sein. Platz ist jetzt räumlich im Lager und Studio in Form von Lücken vorhanden, wo nun mühevoll und jahrelang schwer erarbeitete Formen fehlen. Die Leere wandelt sich hoffentlich zu einem neuen Möglichkeitsräumen, garantiert ist dies jedoch nicht. Wir trösten uns an beiden Abenden mit dampfenden Schüsseln voll Ramen, hoffend, dass sich Neues auftut, wo Altes losgelassen wird.