STEFAN REITERER | Inflection Point

Elastische Weltordnung. Neuvermessungen in der Kunst von Stefan Reiterer, in: Wilko Austermann (Hg.), Inflection Point, Berlin 2026

Die Welt liegt uns zu Füßen – wortwörtlich. Damit ist nicht die tatsächliche Erde gemeint, also der Planet, auf dem wir leben, sondern Stefan Reiterer‘s raumgreifende Bodenarbeiten aus der Serie texture mapping (seit 2012). Es sind alles umspannende Stoffe, die uns mithilfe von abstrakten Wirbeln auf ihrer gemalten Welt ragen, ohne uns zu erden. Die Welt liegt uns also zu Füßen, aber sie ist instabil: Obwohl wir auf ihr stehen, finden wir keinen Halt auf einem Untergrund, der sich ständig in der Dimension zu verschieben, sich permanent auszudehnen und zu kontrahieren scheint. Reiterer‘s Weltbild konstituiert sich als metaphorisches Kippbild, das in einer Permanenz des Verharrens im Dazwischen den imminenten Kontrollverlust überblendet. Diese aktive Destabilisierung der Betrachter*innen, ihrer Wahrnehmung, Perspektiven und vorurteilsvollen Annahmen steht im Zentrum Reiterer‘s kartographierter Kontingenz.

Die Entscheidung für den Kipppunkt liegt im Aushalten von Gegensätzen: Tag und Nacht, Innen und Außen, Groß und Klein, Sog und Ausdehnung, hell und dunkel, flach und gewölbt, positiv und negativ. Der Künstler balanciert die Bewegungen der Dichotomien und verankert ihr dynamisches Eigenleben mit geschickten Setzungen: Zunächst initiieren gestisch aufgetragene Pinselstriche in Übergröße im Volumen ihrer Repetition ein opakes Spiel zwischen Aussparungen und Einschnitten sowie der zweiten und dritten Dimension. Während also der flach am Boden liegende Stoff selbst durch den Kontrast des Weißraums zum Farbraum Erhabenheit und Tiefe suggeriert, verschieben die Betrachter*innen mit ihrer eigenen Bewegtheit die abstrakten Fragmente weiter – in der Überlagerung eröffnen sich somit neue Realitätsebenen, in die man hineinstolpert.

Pseudo-Kartographie, Illusionismen und topologische Strukturen dienen Reiterer als Methoden, um die Beschäftigung mit Raum und dessen Manipulation in der malerischen Darstellung zu untersuchen. Doch er geht über eine rein künstlerisch-architektonische Abtastung und über das Medium der Malerei hinaus und stellt auf feinfühlige, subtile Weise gewichtige Fragen: Was ist das für eine Welt, die in dauerhaftem Krisenmodus operiert und uns in einem Sog aus real gewordenen Horrorszenarien, selbstverschuldetem Klimakollaps und surrealer, spätkapitalistischer Ausbeutungslogik zu verschlingen droht? Welche Garantien sind in der immerwährenden Veränderung gegeben? Und wie gelingt es, einen Moment innezuhalten, um den Überblick im Chaos wiederzuerlangen?

For the full text (in German but also translated into English) please contact me directly.

The publication “Stefan Reiterer. Inflection Point”, which includes this text as well as contributions by Wilko Austermann, Diethard Leopold, and Clemens J. Setz, was published on the occassion of the eponymous exhibition at Museum gegenstandsfreier Kunst, Otterndorf.